Alle Jahre wieder

Alle Jahre wieder, mit Beginn der Adventszeit, wird die Mitleid heischende Sau der kalendarisch verordneten Nächstenliebe und Mildtätigkeit durch die Republik getrieben. Jedenfalls durch die Teile, die ich per Zeitung und Radio verfolge. Da Weihnachtsspendenaktionen sich aber allgemeiner Beliebtheit erfreuen, dürfen wir wohl davon ausgehen, dass das arme Tier auf seinem Spendenmarathon tatsächlich dieses Land von Nord nach Süd und von West nach Ost durchmisst. Als Treiber fungieren die lokalen Tageszeitungen und Radiostationen, die dabei auch gerne die bedauernswerten, potenziellen Spendenempfänger zu Wort kommen lassen, auf dass diese sich herzzerreißend öffentlich bemitleiden, nicht ohne zu betonen, welche aufopfernden Dienste sie schon der Menschheit haben angedeihen lassen. Die zum Beleg angeführten Selbstlosigkeiten sind denn auch, in der Tat, beispiellos und lassen die Einsätze der zahllosen ehrenamtlich Aktiven oder internationalen Hilfsorganisationen, die unter Einsatz ihres Lebens dahin gehen, wo es weh tut und man sich schmutzig macht, wie Kindergeburtstagsbetreuungen wirken: Da wird der älteren, gehbehinderten Dame in der Nachbarschaft schon mal die Mülltonne an die Straße geschoben (ca. zwei Mal im Jahr), da wird auf dem Sommerfest der Grundschule der Dosenwurfstand betreut (max. eine halbe Stunde, nach 15 Minuten wird das erste Mal laut, und mit  unverblümten Chantallismus, nach der Ablösung „gefragt“). Die Liste der Selbstverständlichkeiten ließe sich beliebig fortsetzen. Auffällig dabei ist, dass ein nicht unerheblicher Anteil dieser Leuchtfeuer der Nächstenliebe bis zur Selbstaufgabe, entweder eine Privatinsolvenz im Gepäck haben, von der im Regelfall nicht erklärt wird, wie es dazu kam (was an sich schon merkwürdig ist), oder, und das kommt noch besser an, ein schwerst krankes Familienmitglied zu betreuen haben, bzw. selber tödlich erkrankt sind und doch nur ein einziges Mal auf die Malediven möchten oder einen Sportwagen besitzen. Sei das denn zu viel verlangt? JA.

Immer wieder gerne in die vorderste Reihe gestellt werden Kinder. Kinder lösen die hinlänglich bekannten, instinktgesteuerten Reflexe in uns aus; das ist bekannt und wird darum gerne genutzt. Nicht nur bei „Wetten, dass…?“.

Nun kommt Weihnachten zwar immer recht plötzlich, trotz der, bereits Ende der Sommerferien verfügbaren Spekulatius, aber auf die vorweihnachtliche Spendenralley werden wir durchaus vorbereitet. Kürzlich wurde wieder ein Bericht über die Kinderarmut in Deutschland vorgestellt. Kinderarmut – gibt es das überhaupt? Gemeint sind die Kinder armer Eltern, die am hintersten Ende der sozialen Gesellschaft stehen. Und hier muss man differenzieren zwischen Eltern, die für ihre Kinder da sind, sich drehen und wenden und nichts unversucht lassen, das Leben ihrer Kinder besser zu machen und den Eltern, die sich selbst genug sind und das knappe Einkommen lieber in die neueste Entertainment-Technologie, in Laptop, Mobiltelefone mit vollkommen überzogenen Tarifen, die neueste Klamottenmode oder in neue Alu-Felgen für ihren tiefer gelegten Golf stecken, als in ihre Kinder zu investieren. Und weil das natürlich alles viel mehr kostet, als man zur Verfügung hat, kann man sich doch noch mal eben mit einem, die Tränen treibenden, Rührstück bei den saisonalen Weihnachtsspendenaktionen anmelden. Möglichst bei mehreren, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass man auch seinen Teil abbekommt. Und es funktioniert: Die weihnachtlichen Spendenaktionen sind inzwischen Tradition, und werden vermutlich von den gleichen Menschen mit Zuwendungen bedacht, die sich, einmal im Jahr, am Heiligen Abend in der Kirche blicken lassen und sich ohne Rücksicht auf Verluste möglichst weit nach vorne drängeln, während sie sich zeitgleich darüber beklagen, dass die Kirche überfüllt ist. Getreu dem Motto des Johann Tetzel:

„Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.“